Wieder im Böhmerwald unterwegs Drucken

Wolfgang Bauer wieder auf den Spuren seiner Vorfahren im Böhmerwald am 26. und 27. Juli 2010:

Immer um Johanni – zur Sonnenwende – treffen sich die früheren Bewohner von Fürstenhut (Knižeci Plane) und Buchwald (Bučina) zu ihrem Jahrestreffen. Nachdem beide Orte heute im Kerngebiet des Nationalparks Böhmerwald (Šumava) liegen, ist nur an diesem Wochenende eine Zufahrt mit dem Auto nach Fürstenhut über Ferchenhaid (Borova Lada) möglich. Diese Sonderregelung für die meist älteren Besucher, die nicht mehr so weit gehen oder mit dem Rad fahren können, wollte ich ausnutzen, um auch dieses Jahr wieder auf den Spuren der Vorfahren zu wandeln.

Mein Weg führte also wie beim letzten Mal über Braunau und Passau in den Bayrischen Wald. Diesmal fuhr ich aber nicht zum Grenzübergang bei Philippsreut, sondern nach Grafenau, entlang der Glasstraße über Spiegelau und Frauenau gegen Zwiesel. In Oberzwieselau finden sich die ältesten Spuren meiner Vorfahren, weiter zurück kam ich vorläufig bei meinen Forschungen nicht, da die Kirchenbücher aus dieser Zeit verbrannt sind, wie mir der bekannte Heimatforscher und Glashüttenmitbegründer Alfons Aisch aus Frauenau mitteilte. Auch die Bürmooser Familien Fuchs und Schmalzl stammten ursprünglich von hier. Von den vielen Glashütten, die es in dieser Gegend gab, existieren nur mehr die Aisch-Hütte und die Poschinger-Hütte in Oberzwieselau. Außer der Glashütte ist der Ort eher unscheinbar, nur die schon selten gewordenen Totenbretter finden sich an einer Weggabelung.

So fahre ich weiter über die längst nicht mehr besetzte Grenzstation bei Eisenstein und befinde mich im Böhmerwald. Von der breiten Straße in Richtung Klattau (Klatovy) biege ich in Richtung Neu-Hurkenthal (Hurka) ab. Die Straße führt hier kilometerlang pfeilgerade durch den Wald, bergauf und bergab dem Gelände angepaßt. Diese Strecke war lange militärisches Sperrgebiet und nicht zugänglich. Über Hartmanitz komme ich zur Wottawa, wo die Straße nach Schüttenhofen abzweigt.

In Langendorf bleibe ich kurz stehen, um einige Fotos zu machen. Der Ort hat den Namen zu Recht: endlos ziehen sich die Häuser entlang der Straße hin, ursprünglich nur auf einer Seite der Straße gebaut, während auf der anderen Seite die Felder beginnen. Erinnert mich etwas an unsere Neubau-Häuser in Bürmoos.

Ein Teil von Langendorf im Juni 2010, Foto: Wolfgang Bauer

EinTeil von Langendorf im Juni 2010

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Schüttenhofen (Sušice), wo ich mich aber nicht aufhalte, sondern über Horaschdowitz (Horaždovice) nach Strakonitz weiterfahre. Es ist jetzt bald 11 Uhr und ich möchte heuer noch einmal versuchen, in dem Antiquariat bei der Burg in den deutschen Büchern zu stöbern, von denen es, wie ich weiß, dort einige gibt.

Diesmal habe ich Glück: Der Laden ist offen. Eine Frau mittleren Alters läuft gerade telefonierend nach draußen. An mir kann es nicht liegen, sondern wohl daran, daß in dem Kellergewölbe kein Empfang ist. Ich kenne inzwischen die Einteilung und suche bei den deutschsprachigen Büchern, nachdem ich bei den auch vorhandenen Grafiken und Landkarten nicht fündig wurde. Tatsächlich finde ich unter vielen Pflanzenbüchern zwei über hundert Jahre alte Werke des bekannten Moorforschers Hans Schreiber, der im nicht allzu weit entfernten Wallern (Volary) geboren ist, aber später in der ganzen Monarchie und bis hinauf nach Skandinavien an die 1000 Moore vermessen und erforscht hat. Auch im Land Salzburg war er aktiv und gründete hier im Jahr 1900 den Deutsch-Österreichischen Moorverein.

Dazu suche ich mir aus dem Angebot des Antiquariates noch einen Steinbrener Kalender von 1916 aus und einen Böhmerwald-Führer von 1991 – gleich nach der Grenzöffnung erschienen.

Dann kommt das Problem. Die Frau, die wieder zurückgekommen ist, versteht kaum deutsch, aber soviel ich verstehe, nimmt sie keine Euro. Ich habe aber keine Kronen umgewechselt, weil die meisten Geschäfte und Restaurants problemlos Euro annehmen. Zum Glück kommt gerade ein Bekannter der Frau daher, der zwar auch nicht deutsch kann, aber englisch. Er übersetzt, daß die Frau den Umrechnungskurs nicht weiß, bietet sich aber an, in einem nahegelegenen Hotel danach zu fragen. Als er wiederkommt, kann ich endlich die Bücher erstehen. Zuhause stellt sich dann heraus, daß die zwei Bücher von Hans Schreiber nicht mit einem einzigen Exemplar im Internet angeboten werden – ein Glückskauf.

Meine Fahrt führt jetzt nach Süden zu dem Kreisstädtchen Winterberg, das 1910 rund 5200 Einwohner hatte, zehn Prozent davon Tschechen. Es gibt da einen schönen Stadtplatz, der allerdings relativ steil abfällt. Hier waren bei meinem ersten Besuch 1976 noch die deutschen Aufschriften der Geschäfte der längst vertriebenen Bewohner sichtbar. Auch Reste der alten Stadtmauern und Wehrtürme sind noch erhalten. In der ganzen Stadt gibt es kaum einen ebenen Platz, nur Hügel ringsum und in der Mitte thront eine Burg, die heute ein Museum beherbergt.

Stadtplatz von Winterberg 2006

Stadtplatz von Winterberg 2006

 

Hier in Winterberg befand sich einst eine der größten Druckereien der Monarchie – der Verlag Steinbrener. Er beschäftigte bis zu tausend Leute. Schriftsteller wie Johann Peter hatten in den Häusern des Verlages eine Wohnmöglichkeit um ungestört arbeiten zu können. Hauptgeschäft waren die beliebten Kalender, die es in verschiedenen Ausführungen gab und Gebetbücher, die, in vielen Sprachen gedruckt, in alle Welt exportiert wurden. Ich habe eine kleine Sammlung davon, von einfacher Ausführung bis zu ledergebundenen, mit Beinschnitzereien und Messingbeschlägen verzierten Exemplaren. Die Familie Steinbrener wurde nach der Übernahme durch die Tschechen 1945 enteignet, konnte jedoch einige Unterlagen retten und begann in Oberösterreich neu, während der alte Betrieb nicht mehr existiert.

Auch hier hielt ich mich nicht allzu lange auf und fuhr bergauf in Richtung Kubohütten (Kubova Hut). Für die Pferde und Fuhrleute, die auf dieser Strecke früher das Langholz aus dem Wald nach Winterberg transportieren mußten, war dieser Abschnitt der engen, steilen Schotterstraße eine arge Plagerei, wie mir Kilian Fastner, dieses Böhmerwäldler Original, das aus Buchwald stammte, erzählt hat. Besonders wenn oben im Wald Schnee lag und er mit Schlitten fahren mußte, während auf halber Strecke dann die Straße aper wurde und er die Stämme allein auf Wagen umladen mußte.

Links der Straße bei Kubohütten erhebt sich der Kubany (Boubin) auf dessen Rücken sich eines der ältesten Naturschutzgebiete befindet. 1858 bereits hat hier der Fürst Schwarzenberg eine große Fläche unter Schutz gestellt und es finden sich darin 300 bis 400 Jahre alte Bäume.

 

Umgestürzter Riesenbaum vom Kubany (alte Ansichtskarte)

Umgestürzter Riesenbaum vom Kubany (alte Ansichtskarte)

 

Bald darauf biege ich kurz vor Obermoldau in Richtung Ferchenhaid ab. Vorbei an Birkenhaid komme ich in der Gemeinde an, die 1910 mit allen 11 dazugehörigen Ortschaften 1599 Einwohner hatte,  davon 12 Tschechen, heute sind es nur mehr rund 280 Leute. Von hier aus ist also heute die Fahrt nach Fürstenhut erlaubt, da wäre ein Quartier in der Nähe praktisch.

Am ersten Haus an der Straße hängt auch gleich ein Schild, das es als Pension ausweist. Auch beim Zweiten, einem größeren Einfamilienhaus hängt ein solches Schild. Ich frage den Mann, der am Gehsteig Gras jätet, ob hier noch ein Zimmer zu haben ist. Er kann zwar kaum deutsch, aber soviel verständigen wir uns: er hat ein Zimmer. Ich sehe es mir an. Für eine Nacht ist es kein Problem, obwohl es nicht allzu groß ist und die Kleiderschränke auf dem Gang eingebaut sind. Aber WC und Brause sind im Zimmer. Es gibt auch nur vier Fremdenzimmer in dem Haus, je zwei oben und unten in einem abgetrennten Anbau. Ein Eßtisch für das Frühstück mit nur zwei Sesseln befindet sich hinter der Stiege im Gang.

Meine Reisetasche lade ich aus und fahre dann weiter nach Aussergefild. Zielsicher steuere ich die Ausstellung an, zu deren Besichtigung ich im Vorjahr zu früh dran war. Sie ist sogar an diesem Samstagnachmittag geöffnet. In einem der Räume findet gerade ein Vortrag statt, trotzdem lohnt sich der Besuch der kleinen, interessanten Ausstellung über Buchwald und Aussergefild. Neben alten Fotos und Plänen gibt es viele Arbeitsgeräte und eine Mini- Schulklasse aus der Zeit um 1900. Sehr bekannt waren auch die Außergefilder Hinterglasbilder, in großer Anzahl in Heimarbeit hergestellt, von denen eine ganze Reihe ausgestellt ist. Die Ausstellungsstücke sind, im Gegensatz zu früher, überwiegend auch deutsch beschriftet. Die Aufsichtsperson verlangt weder Eintritt noch hindert sie mich am fotografieren.

 

altalt Ausstellung Aussergefild: Werkzeuge Ausstellung Aussergefild: Hinterglasbilder

Ausstellung Außergefild: alte Werkzeuge (li.) und Hinterglasbilder

 

Anschließend fahre ich zurück nach Ferchenhaid und biege in den Weg nach Fürstenhut ein. Der Weg zieht sich kilometerlang durch den Wald und an Mooren vorbei, ehe er zu den Wiesen dieses einstigen Holzfällerortes ansteigt, der zum Besitz der Fürsten Schwarzenberg gehörte. Überall begegnet man Gruppen von Radfahrern und Wanderern. Nur ein Haus – heute ein Gasthaus - und viele Feldmauern erinnern daran, daß hier einstmals eine Gemeinde mit rund 540 Einwohnern bestand. Die Wiesen sind durch Rinder- und Schafherden von Baumbewuchs  noch relativ freigehalten.

 

Moorige Sümpfe mit Wollgras vor Fürstenhut

Moorige Sümpfe mit Wollgras vor Fürstenhut

Schafe grasen unter den früheren Hausbäumen

Schafe grasen unter den früheren Hausbäumen

 

Irgendwo muß hier der Weg zu der ehemaligen Kirche und dem Friedhof abzweigen. Ich war schon vor eineinhalb Jahrzehnten zu Fuß dort, kann mich aber nicht mehr genau orientieren. An der Abzweigung eines unscheinbaren Weges sehe ich ein Auto mit deutschem Kennzeichen, während es sich die Insassen auf der daneben befindlichen Bank bequem gemacht haben. Ich bleibe stehen und frage, wo es zum Friedhof geht. Einer der Männer deutet auf den abzweigenden Weg und erklärt auf gut bayrisch: „Do foahrst do eini bist ohstehst – do is da Friedhof.“

Ich fuhr also „do eini“ auf dem Karrenweg, der immer schmaler wurde. Entgegenkommende Radfahrer mußten absteigen, damit wir aneinander vorbeikamen. Nach wenigen hundert Metern war ich dann wirklich am Friedhof. Gleich daneben stand einstmals die Kirche, zu dessen Sprengel auch die Bewohner von Buchwald (Bučina) gehörten. 1956 wurden alle Häuser zerstört und die Kirche, die sehr massiv gebaut war, wurde gesprengt. Auf dem Schuttkegel wachsen jetzt Bäume und in der Mitte wurde ein großes Holzkreuz aufgestellt.

Auch der Friedhof war einplaniert worden. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft bekamen die ehemaligen Bewohner die Erlaubnis, den Friedhof wieder herzurichten und in mühseliger Arbeit grub man Grabsteine und Beschriftungstafeln aus um sie wieder geordnet aufzustellen.

 

Friedhof Fürstenhut: Die niedergewalzten Grabsteine wurden wieder aufgerichtet Friedhof Fürstenhut: Grab von Franz Bauer

Die niedergewalzten Grabsteine wurden wieder aufgerichtet

 

Viele Steine ohne die üblichen Eisenkreuze und ohne Aufschrift künden davon, daß die Schubraupen ganze Arbeit geleistet hatten. Sesseln vor einem Geräteschuppen zeigten an, daß dieses Wochenende noch einiges los sein würde, wenn auch die Zahl der Besucher, 65 Jahre nach der Vertreibung, jedes Jahr weniger wird.

 

Früherer Standplatz der Kirche Fürstenhut

Früherer Standplatz der Kirche Fürstenhut

 

Nachdem ich alles fotografiert hatte fuhr ich wieder zur Bank zurück. Jetzt war guter Rat teuer. Im Böhmerwäldler Heimatbrief ist gestanden, daß man sich auch um die Erlaubnis zur Zufahrt nach Buchwald bemühen würde. Ich konnte keinen Hinweis entdecken, daß es nicht erlaubt wäre. Also bog ich nach links ab und fuhr auf einer inzwischen halbwegs gut ausgebauten Schotterstraße hinauf zur einstmals höchstgelegenen Gemeinde des Böhmerwaldes, die in der besten Zeit rund 350 Einwohner hatte. Sie lag auch im niederschlagsreichsten Gebiet Mitteleuropas und manchmal schauten im Winter  nur mehr die Dächer der Häuser aus den Schneemassen.

Nach der Ebene von Fürstenhut stieg die Straße jetzt steiler an. In Buchwald gibt es keine ebenen Wiesen und Felder. Auf halber Höhe blieb ich stehen, um die gewaltigen Steinmauern anzusehen, die hier die Felder begrenzten. Mühselig wurden diese zum Teil sehr großen und schweren Steine von Generationen von Bauern aus der Erde gegraben, um ackern oder mähen zu können, immer wieder tauchten nach der Bearbeitung, nach Regenperioden oder nach Unwettern neue Steine auf.

Auf diesen Mauern, die jetzt seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt werden, hat sich eine üppige Flora und Fauna entwickelt. Auch ganze Hecken haben sich gebildet, hauptsächlich aus Vogelbeerbäumen.

 

Gewaltige Steinmauern zeugen von der mühseligen Urbarmachung

Gewaltige Steinmauern zeugen von der mühseligen Urbarmachung

Dort wo die Straße von Fürstenhut in die vom bayrischen Finsterau kommende und nach Außergefild weiterführende Straße einmündet, stellte ich mein Auto ab. Genau an dieser Straßeneinmündung ist das Bauernhaus gestanden, das mein Urgroßvater bewirtschaftet hatte und von wo dann die Familie nach Bürmoos in eine ungewisse Zukunft auswanderte. Vom Haus sind noch ein Schuttberg und überwachsene Mauerreste sichtbar, die auf der Ruine wachsenden Bäume brechen schon wieder zusammen.

An dieser Weggabelung stand früher das Haus der Familie Bauer

An dieser Weggabelung stand früher das Haus der Familie Bauer

 

Die Straße entlangwandernd kam ich zu einem Bau, den ich schon beim ersten Besuch vor fast 20 Jahren gesehen hatte, damals als eine Ruine – das Peschl Hotel. Als einziges Haus des Ortes Buchwald hatte man es stehen gelassen. Es wurde kurz vor der Vertreibung von Heinrich Peschl zu Bauen begonnen, der vorher ein Touristenhaus am Moldauursprung betrieben hatte. Dann kam die Vertreibung, bei der auch er den sogenannten Todesstreifen verlassen mußte und nach Bayern floh. So dämmerte der Rohbau vor sich hin und verfiel zusehends. Vor einigen Jahren hat man nun begonnen, den Bau weiterzuführen und bei meinem Besuch war er offensichtlich kurz vor der Eröffnung. Der Garten hangabwärts zur Straße ist Wiese, durch die ein Bächlein rinnt. Stützmauern trennen den Garten von der Straße ab.

 

Das Peschl Hotel im Jahr 2010 Das Peschl Hotel im Jahr 1992

Das Peschl Hotel 2010 (li) und beim ersten Besuch 1992

Daneben hat man in den letzten Jahren etwas angelegt, von dem ich vermutet hätte, daß die Zeit dafür noch nicht reif sein würde: Man hat ein Stück des Eisernen Vorhangs nachgebaut.  Den Hang aufwärts zieht sich ein steiniger Weg, rechts und links durch einen hohen Stacheldrahtzaun begrenzt. An der höchsten Stelle wurde ein Wachturm errichtet, Panzersperren und Stacheldrahtverhaue runden das Denkmal ab. Auf der anderen Seite des Zaunes ist die Ruine eines Hauses aufgebaut. Schautafeln ergänzen und erläutern den früheren Zweck solcher Anlagen.

 

       Panzersperre bei Buchwald Gedenktafel bei Buchwald

Stacheldrahtzäune, Panzersperren, eine Ruine im Hintergrund und Schautafeln dokumentieren den unrühmlichen Zeitabschnitt der kommunistischen Herrschaft

 

Wenige Meter weiter befindet sich der Grenzübergang zu Bayern, eine Brücke mit Schranken über ein kleines Grenzbächlein. Der Übergang ist allerdings nur für Radfahrer und Fußgänger erlaubt. Den Grenzschranken hat auch der große Zeichner Alfred Kubin, der sich gerne im Böhmerwald aufhielt, in einem seiner Werke festgehalten. Bis hierher fahren von Finsterau gasbetriebene Busse, vor einigen Jahren durfte man noch selbst mit dem Auto zufahren.

Alfred Kubin zeichnete den Grenzübergang

Alfred Kubin zeichnete den Grenzübergang

So wanderte ich zurück und ein Stück hangaufwärts in Richtung Außergefild. An der höchsten Stelle der Straße standen früher das Jägerhaus und das Haus der Familie Peter (Richter- oder Hegerhaus). Die „Peter“ hatten einige Generationen lang das Amt des Dorfrichters ausgeübt, aus ihrer Familie stammt auch der Dichter Johann Peter, den man den Rosegger des Böhmerwaldes nannte. Von dem Anwesen sind kaum mehr Spuren zu sehen, aber hier stehen die letzten uralten Buchen der Gemeinde, die ihr den Namen gaben. Im Internet las ich, daß seit neuestem auch Busse von Außergefild bis hierher fahren.

Unter diesen Buchen sind Bänke aufgestellt, von denen man an wenigen, klaren Tagen im Jahr über die weite Ebene hinweg bis zu den Gletschern von Dachstein und Hochkönig sieht. Einmal hatte ich bisher bei einem Besuch diesen Anblick genießen können. Zurück beim Auto dachte ich an meinen ersten Besuch in Buchwald:

Im Jahr 1992 war ich mit meiner Frau wieder nach Außergefild gekommen, um weiter nach Buchwald zu fahren. Bei meiner ersten Reise 1976 in den Böhmerwald ist an der Moldaubrücke ein Schild gestanden, das auf Tschechisch besagte: Gefahr! Betreten des Gebietes verboten. Dann die Enttäuschung als wir diesmal an derselben Stelle ein Schild vorfanden: Nationalpark – Einfahrt verboten.

Da hatte es mir gereicht. Sollte ich über 200 Kilometer gefahren sein, um dann sieben Kilometer vor dem Ziel zu scheitern. Es regnete in Strömen, da würden wohl kaum Kontrollen stattfinden. Ich gab Gas und fuhr auf der relativ guten Straße in Richtung Buchwald, da ich unbedingt einmal den Ort meiner Vorfahren sehen wollte. Bereits nach einem Kilometer kam uns ein Jeep entgegen und die Insassen deuteten uns, stehenzubleiben. Es waren junge Burschen mit uniformähnlichen Kleidern – Parkwächter. Keiner konnte ein Wort deutsch, aber ihren Gesten entnahm ich, wir sollten umkehren. Ich erklärte auf Deutsch, daß ich unbedingt nach Bucina fahren müsse. Nach einiger Zeit beendeten sie schließlich die unergiebige Diskussion und fuhren weiter, wir ebenfalls - in Richtung Buchwald.

Im Ort angekommen, hatten wir ein eigenartiges Gefühl, hatte man doch immer von ausgelegten Minen und ähnlich netten Dingen an der Grenze gehört. Der Ort war menschenleer und gespenstisch still. Wir blieben auf dem Weg und fuhren nur zu Stellen, wo es bereits Reifenspuren gab. Später wurde bekannt, daß es hier niemals Minen gegeben hatte, sondern nur Kontrollen mit Hunden und ein strenges Betretungsverbot.

Nun stand ich also fast an derselben Stelle mit dem Auto wie damals und wußte ebenfalls nicht, ob ich legal hier war. Aber eigentlich gehörte der Grund ja noch den Buchwalder Familien, sie waren niemals für den Verlust entschädigt worden. Sie waren 1945 enteignet und entrechtet worden, ohne daß sie einem Tschechen etwas weggenommen hatten oder Nazi-Funktionäre gewesen waren. Ihr einziges Vergehen war, daß ihre Muttersprache deutsch war. Nach den Beneš-Dekreten von 1945 waren sie auch heute immer noch rechtlos und vogelfrei – diese Dekrete sind nie aufgehoben worden.

 

1992 zu Besuch in Buchwald 2010 zu Besuch in Buchwald (Nationalpark)

1992 und 2010 in Buchwald auf Besuch

 

Langsam fuhr ich zurück nach Ferchenhaid und da bis zum Abendessen noch Zeit blieb, machte  ich mich auf den Weg nach Mader (Modrava), einer Gemeinde, die heute auf über 8000 ha nur mehr 52 Einwohner hat. Das Zentrum ist seit Jahren eine Baustelle. Viele Touristen sind hier unterwegs, denn der Ort ist Ausgangspunkt für viele Touren. Ein Weg führt auf geteerten Straßen, immer den Maderbach entlang, nach Pürstling, dem versteckten Tal hinter dem Lusen, in dessen Zentrum ein Moor liegt. Von der ehemaligen Holzhauersiedlung stehen nur mehr das Förster- und das Hegerhaus. Bei unserem ersten Besuch fanden wir auch noch Ribiselstauden von den Gärten der Häuser, die längst verschwunden waren.

Von Mader ausgehend kam ich bei früheren Wanderungen auch zu fast unzerstörten Mooren, versteckt liegenden Försterhäusern und früheren Stauwerken (Schwellen). Im Ortsteil Chinitz-Tettau ist mein Ur- Ur- Ur- Urgroßvater Mathias Bauer der Ältere gelandet, nachdem er von Oberzwieselau im Bayrischen Wald in den Böhmerwald ausgewandert war. Es muß schon vor der offiziellen Gründung des Ortes Mader im Jahr 1757 gewesen sein, denn er hatte 1754 geheiratet und sein Sohn Johann ist im selben Jahr bereits in Mader geboren.

Mathias Bauer verdingte sich anfangs als Viehhirte bei größeren Bauern der Nachbardörfer und baute sich eine kleine Keusche, die er nach und nach vergrößerte und auch etwas Grund erwarb. Obwohl er Steuern bezahlte und schließlich 11 Kinder (10 Buben und 1 Mädchen) zu erhalten hatte, wollte man ihn von dem offensichtlich schönen Plätzchen vertreiben, um dort ein Forsthaus zu errichten. (Man wollte ihn wohl auch weg haben, weil er in der entlegenen Gegend manchmal für seine Familie ein Stück Wild erlegte, wie aus der Begründung des Forstamtes hervorging.) Obwohl er des Schreibens unkundig war, kämpfte er über 10 Jahre lang erfolgreich gegen die Absiedlung. Diese Geschichte habe ich bereits in dem Buch „Am Rande des Moores“ unter „Ein Dickschädel“ beschrieben.

Schreiben des Stubenbacher Amtes an das Prachiner Kreisamt wegen der Absiedelung des Mathias (Mathes) Bauer

Schreiben des Stubenbacher Amtes an das Prachiner Kreisamt wegen der Absiedlung des Mathias (Mathes) Bauer

Besondere Bedeutung erreichte der kleine Weiler Chinitz-Tettau im Jahr 1800, als ein 14,5 km langer Schwemmkanal in Betrieb genommen wurde, um das Holz zur Wottawa zu bringen, das sonst aus dieser abgelegenen Gegend nicht hätte abtransportiert werden können,. Ob Mitglieder der Familie Bauer auch bei der Errichtung des noch heute existierenden Kanales mitgearbeitet haben, konnte nicht ermittelt werden, wahrscheinlich ist es auf jeden Fall.

Gerade als ich mich wieder auf den Weg machen will, um bei Rehberg den Schwemmkanal erneut zu besichtigen, der dort schön sichtbar ist und auch noch zeitweilig für Schautriften in Betrieb genommen wird, zeigt meine Kamera: „Akku leer“. Ich will meinen alten Fotoapparat nehmen, da komme ich drauf, daß der noch beim Gepäck in der Pension ist. Schön langsam werde ich sowieso müde und will es für heute gut sein lassen. Gemütlich fahre ich zurück nach Ferchenhaid. Gelegentlich preisen schon einige Schilder vor Häusern Pilze an, auch Honig wird überall verkauft.

 

Der Chinitz-Tettauer Schwemmkanal bei Rehberg Brücke über den Chinitz-Tettauer Schwemmkanal

Der Chinitz-Tettauer Schwemmkanal ist eine technische Meisterleistung und nach über 200 Jahren noch voll betriebstauglich

 

Bei der Pension angekommen, stelle ich mein Auto auf dem Parkplatz ab, den mir der Inhaber vorher gezeigt hat. Er ist schräg hinter dem Haus, von innen gut sichtbar. Zum Abendessen will ich nicht mehr wegfahren. Es gibt quer über die Straße zwei Restaurants und bei der Null-Promille Grenze auf den Straßen ist es besser so. Gerade will ich hinübergehen, da deutet mir der Pensionsinhaber, ich soll den Schlüssel nehmen und zum Auto gehen. Das tue ich auch und sehe, dort angekommen, die Bescherung. Das Auto steht schön geparkt und verschlossen dort, aber das Seitenfenster ist unten. Wenn ich keine Klimaanlage in Betrieb habe, wie dort oben im kühlen Wald, lasse ich beim Fahren immer das Fenster auf der Beifahrerseite ganz offen. Glück gehabt, leicht hätte mir jemand etwas hineinlegen können, denn zum Stehlen war nichts drinnen, aber ein nächtliches Gewitter wäre unangenehm gewesen.

Jetzt geht es endgültig zum Futtern. Der Gastgarten ist voll besetzt, also muß ich nach drinnen. Hier ist noch genügend Platz, obwohl sich an der Stirnseite des Raumes ein Dutzend Leute – Tschechen und Deutsche – vor dem Fernseher breitgemacht haben, wo ein Spiel der gerade laufenden Fußball WM übertragen wird.

Mit einem frischen Gambrinus Bier vom Faß schwemme ich eine gebratene Forelle mit Kartoffeln hinunter, dann noch einen Eis-Palatschinken als Nachspeise und zum Schluß einen Kaffee. So läßt es sich leben, vor allem, weil das Ganze noch sehr billig ist - trotz des schlechten Umrechnungskurses im Lokal für den Euro.

An diesem Abend gehe ich bald schlafen, denn ich will früh aufbrechen, solange es noch kühl ist. Mit dem Pensionsbesitzer habe ich ausgemacht, daß ich um acht Uhr Frühstück bekomme. Bereits zehn vor acht, kaum hatte ich meine Sachen gepackt, klopft es an der Tür. Der Mann trägt ein Tablett und ich deute ihm, daß er es auf dem Eßtisch im Gang abstellen soll. Die Zusammenstellung ist etwas ungewöhnlich: Ein Teller mit Rührei und daruntergemischten Schinkenstückchen, eine Kanne Kaffee, eine Kanne Tee, ein Körbchen mit Brotschnitten und Semmeln, Butter, eine kleine Schale Obst. Nur ein Glas für den Tee, keine der bei uns üblichen Kaffeetassen, kein Teller, kein Honig oder Marmelade.

Mir genügt das Angebot, ich will den Mann, der wie ich selbst nur hinkend gehen kann, nicht nochmals ins Wohnhaus hinüberjagen. Er muß alles über den Hof tragen, weil der Anbau mit den Fremdenzimmern keinen direkten Zugang vom Wohnhaus hat. Wahrscheinlich frühstücken aber nur wenige der Gäste hier. Bald bin ich fertig, zahle die € 22. — für Übernachten und Frühstück und mache mich wieder auf den Weg.

Über Innergefild und Zwoischen (Zvoiše) fahre ich hinunter ins Wottawatal gegen Unterreichenstein. Es ist eine endlose, kurvenreiche Straße, zum Teil mit starkem Gefälle und immer im Wald verlaufend. Bei Neustadt (Nove Mestečko) die Wottawa überquerend ging es wieder aufwärts nach Hartmanitz. Von einem Seitenweg im Ort hat man einen schönen Überblick über das darunterliegende Tal und einen von der Straße aus nicht sichtbaren großen Teich. Hier mache ich kurz Rast und fahre wieder auf der gleichen Strecke zurück, auf der ich von Eisenstein gekommen bin.

 

Endlos führt die Straße durch den Wald ...

Endlos führt die Straße durch den Wald…

 

... den Blick auf Moore mit Schwertlilien freigebend ...

…den Blick auf Moore mit Schwertlilien freigebend…

... und auf die bayerischen Grenzberge

…und auf die bayrischen Grenzberge

Vor und in Eisenstein breitet sich eine kleine Stadt mit Standln aus, hier muß ein Gartenzwerg Bürgermeister sein über die vielen Kollegen, über tausende Glaskugeln, T-Shirts und Schnapsbuden. Der Grenzübergang selbst, bei dem man früher Angst haben mußte, ob die erlaubte Menge nicht doch um einige Mark überschritten war, liegt nun einsam und verlassen.

 

Das Zollamt in Eisenstein ist längst unbesetzt

Das Zollamt in Eisenstein ist längst unbesetzt

 

In Zwiesel biege ich dann wieder in die Glasstraße ein und komme nach wenigen Kilometern nach Frauenau. Die Hauptstraße ist gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet, denn es findet an dem Tag das Glasstraßenfest statt. Zahlreiche Flohmarkt-Standln haben zwar schöne Sachen, auch viele Glasobjekte, aber so richtig kunstvolle Sachen fand ich nicht, wie ich sie in einer Gegend erwartet hätte, wo so viele Glashütten existierten. So kaufe ich ein schönes blaues Glaskreuz, eine gläserne Schnupftabakdose und einige der originellen gläsernen Münzen „Auro“, mit denen man bei diesem Fest zahlen kann.

 

Das Glasgeld Gläserne Schnupftabakdose

Das Glasgeld „Auro“ und eine gläserne Schnupftabakdose

 

Bei einem Standler sehe ich auch eine der hölzernen, teilbaren Formen, in denen die Glasbläser ihre Glasobjekte bliesen, sie stetig dabei drehend. Ich kaufte sie ihm ab und erfuhr nebenbei, daß in den letzten Jahren einige der Glashütten im „Wald“ aufgekauft worden waren, um sie dann stillzulegen - bis auf den Verkauf von Glasobjekten, die in anderen Hütten produziert werden. Auch die Tiroler Glashütte Riedel ist hier so verfahren, genauso wie im Vorjahr in Schneegattern. Das kommt uns Bürmoosern bekannt vor, hat es doch die Fa. Stiassny vor 80 Jahren bei uns genauso gemacht. Vielleicht kann diese Glasbläserform  ja einmal bei uns in der Gemeinde in einem Raum ausgestellt werden, wenn es uns gelingt, wenigstens das zu erreichen, was jede kleine Gemeinde der Umgebung geschafft hat: ein kleines Museum einzurichten.

Zufrieden mit dem bisher Gesehenen in den Ländern meiner Vorfahren setze ich mich ins Auto und fahre gemütlich wieder nach Hause.

Fotos und Text: Wolfgang Bauer
 

 

Lebenslauf eines Hauses


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Auf der Suche nach seinen Vorfahren


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Unwiederbringlich verschwunden


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Zahnarztpraxis aus den 30er Jahren


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Auf den Spuren der Vorfahren im Böhmerwald


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